Pressemitteilung vom Bundesprojekt “Rebhuhn retten - Vielfalt fördern!” vom 17.06.2026
Stuttgart/Fellbach – Zwischen lichten Getreideäckern und blühenden Brachen versteckt sich auf dem Schmidener Feld eine leise Hoffnung: Dort schlüpfen in diesen Tagen die Rebhuhnküken. Jedes überlebende Jungtier ist ein kleiner Schritt nach vorn für den vom Aussterben bedrohten Vogel des Jahres 2026. Im Frühjahr wurden 31 Fellbacher Rebhuhnreviere gezählt – ihre Zahl hat sich seit 2019 mehr als verdreifacht. Ob sich der positive Trend mit den geschlüpften Küken fortsetzt? Darauf hoffte Landrat Dr. Richard Sigel bei seinem Besuch in Fellbach am Dienstag: „Wirksamer Rebhuhnschutz ist ein Langstreckenlauf. Es braucht Jahre, um geeigneten Lebensraum zu schaffen, damit die Tiere überleben und sicher brüten können. Ich freue mich deshalb über die Fortschritte, die nach einem Jahrzehnt gemeinsamer Anstrengungen von Akteurinnen und Akteuren aus Landwirtschaft, Naturschutz, Jägerschaft und Verwaltung hier erreicht wurden.“
Das Schmidener Feld als Modellgebiet
Für das Rebhuhn war es fast zu spät, als sich im Jahr 2016 die Untere Naturschutzbehörde des Rems-Murr-Kreises mit dem Landschaftserhaltungsverband Rems-Murr-Kreis, der Stadt Fellbach, der NABU-Gruppe Fellbach, sowie mit Fellbacher Landwirten, dem Landesjagdverband und der Kreisjägervereinigung Waiblingen zusammenschlossen. Im Jahr 2000 wurden in Fellbach 120 Brutreviere gezählt, 2019 waren es nur noch 10 – ein dramatischer Absturz. „Wir haben einen Notfallplan gestartet, einen Lenkungskreis gegründet und gemeinsam daran gearbeitet, diesen Abwärtstrend in Fellbach zu stoppen“, berichtete Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull. Sie erinnerte daran, dass Feldvogelschutz in einem intensiv genutzten Gebiet auf eine gelingende Kooperation aller Beteiligten angewiesen ist: „Viele Menschen aus den umliegenden Wohngebieten besuchen das Schmidener Feld für Sport und Freizeit. Gleichzeitig wird es intensiv landwirtschaftlich genutzt. Damit auch das Rebhuhn hier einen Platz findet, müssen alle an einem Strang ziehen. Wir möchten, dass die Bürgerinnen und Bürger wissen, was für einen Schatz wir hier vor unserer Haustüre haben. Indem sie auf den Wegen bleiben und Hunde an die Leine nehmen, können die Menschen dem Rebhuhn direkt helfen.“
Seit 2023 ist das Schmidener Feld eines von zwei Modellgebieten im bundesweiten Verbundprojekt „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!“. Im Zuge dessen legten die beteiligten Landwirte weitere mehrjährige Blühflächen an und säten Lichtäcker ein. Für den NABU-Landesvorsitzenden Johannes Enssle sind diese ein Schlüssel zum Erfolg beim Fellbacher Rebhuhnschutz. „Die Agrarlandschaft muss sich verändern, damit Bodenbrüter wie das Rebhuhn darin überleben können. Dazu gehören helle, lichte und ungespritzte Getreidefelder. Weitere wertvolle Licht-äcker entstehen nur, wenn die Landesregierung die Ziele aus dem Biodiversitätsstärkungsgesetz konsequent verfolgt: Zehn Prozent wirksame Refugialflächen in der Feldflur werden durch eine bessere Förderstruktur erreicht. Und mit ihrem Bodenbrüter-Programm muss die Landesregierung einen langen Atem beweisen, denn es wird viele Jahre dauern, um das Rebhuhn vor dem Aussterben zu bewahren“, betonte er.
Blühende Feldwege bieten Schutz
Nahrungs- und Rückzugsflächen für das Rebhuhn sollten in enger Nachbarschaft zueinander liegen, damit die Rebhühner keine weiten Strecken zurücklegen müssen. Je länger die Tiere ohne Deckung unterwegs sind, desto stärker sind sie in Gefahr, leichte Beute von Fuchs, Marder oder Greifvögeln zu werden. Niedrige Hecken bieten den Vögeln auf dem Schmidener Feld wichtige Verstecke und Schutz bei Starkregen. Das rund 800 Hektar große Projektgebiet ist auch mit blühenden Feldwegen durchzogen. Im Schutz hoher Gräser und Wildkräuter können sich die Rebhühner sicher bewegen. „Wir reduzieren hier aktiv und passiv die Gefahr durch Fressfeinde, um die Rebhuhnbestände zu stabilisieren und zu erhöhen. Je mehr unterschiedliche Versteckmöglichkeiten vorhanden sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Rebhühner erfolgreich verbergen können“, weiß René Greiner, Hauptgeschäftsführer des Landesjagdverbands. „Um das Rebhuhn wirksam schützen zu können, ist es entscheidend zu wissen, wo es vorkommt. Dabei leisten sowohl die NABU-Gruppe Fellbach als auch die örtliche Jägerschaft einen wichtigen Beitrag: Sie beobachten die Bestände kontinuierlich und liefern wertvolle Informationen zu Vorkommen und Entwicklung der Tiere. Dieses gemeinsame Engagement zeigt, dass der erfolgreiche Rebhuhnschutz in Fellbach auf dem Einsatz vieler Beteiligter beruht“, betonte Greiner.
Hintergrund:
Das Verbundprojekt „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern!“
Das bundesweit größte Rebhuhnschutzprojekt wird von der Abteilung Naturschutzbiologie der Universität Göttingen, dem Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL) und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) koordiniert. Von 2023 bis 2029 werden deutschlandweit in zehn Projektgebieten verstärkt Schutzmaßnahmen für den Bodenbrüter ergriffen. Das Rebhuhn ist dabei ein Indikator für die Artenvielfalt in Agrarlandschaften; von Maßnahmen zum Schutz des Rebhuhns profitieren viele weitere Arten der offenen Agrarlandschaft. Die Projektgebiete sind auf acht Bundesländer verteilt und decken insgesamt fast 2.900 km² unterschiedlicher Naturräume ab. Das Projekt in Baden-Württemberg baut auf langjährigen Aktivitäten im Rebhuhnschutz in den Landkreisen Tübingen und Rems-Murr auf. Gefördert wird das Verbundprojekt im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Das Teilprojekt des NABU Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Landesjagdverband erhält zudem Fördermittel vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.
Deutschlandweit gibt es laut Schätzungen des Bundesamts für Naturschutz noch etwa 21.000 – 37.000 Rebhuhnpaare. Im Südwesten geht die Ornithologische Gesellschaft Baden-Württemberg von 500-800 Brutpaaren aus – Tendenz weiter abnehmend.
Weitere Informationen zum Thema: www.landesjagdverband.de/projekte/rebhuhn-retten-vielfalt-foerdern


