Gemeinschaft, Brauchtum, Jagd – und eine gewisse Freude an der Musik, die über das bloße Zuhören hinausgeht. Diese Elemente sind es, die viele Mitglieder der Jagdhornbläsergruppen einen. Manche rutschen nur so rein. Über Freunde und Familie, weil sie oft genug von engagierten Bläsern ermutigt wurden oder aus einem Zufallsmoment heraus. Manche wählen diesen Weg auch ganz bewusst. Weil sie bereits aus dem Musischen kommen, weil sie pflichtbewusst Tradition mit Leben füllen möchten oder einfach, weil sie schon lange den Wunsch haben, das Jagdhornblasen zu lernen.
Für Florian Kaplirz zu Sulewicz war es wohl eine Mischung aus lange gehegtem Wunsch und Zufallsmoment. Über 30 Jahre ist es nun her, als Florian, der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, bei einer elterlichen Treibjagd dabei war. Bei den Vorbereitungen helfen, am Streckenplatz unterstützen, diese Aufgaben erfüllt er damals wie heute mit viel Fleiß und Leidenschaft, würde am liebsten selbst planen. Auch das Verblasen der Strecke war schon damals ein geliebter Moment. Bereits im Alter von zwölf bekam Florian sein erstes Horn und erhielt Unterricht bei einer Musikpädagogin.
Zufällig erfuhr Sebastian Michelberger, der damalige Bläserobmann der Kreisjägervereinigung Mergentheim, während dieser Gesellschaftsjagd von Florians Leidenschaft. Der erfahrene Jagdhornbläser und seine Kameraden Karl Steffen und Egon Singer waren bereit, Florian etwas beizubringen. Man traf sich zum Vesper, übte einzelne Stunden im Privaten.
Ein Jagdhornbläser mit Down-Syndrom, das war ein Novum. Und auch das Notenlesen war Florian fremd. Ein großer Vorteil: Florians Vater, der gerade mit dem Trompete spielen begonnen hatte, wollte sich auch am Jagdhorn versuchen. Nach ein paar Übungsstunden, so erinnert sich Sebastian Michelbergers Sohn bis heute, kam der Bläserobmann freudig nach Hause und rief: „Der Bub lernt was, wenn man Töne vorliest, kann ich’s richtig merken!“
Geburtsstunde der Bläsergruppe
Sebastian Michelberger und seine Kameraden Karl Steffen und Egon Singer spielten bereits aktiv in der Parforcehorn-Bläsergruppe der KJV. Sein Sohn Martin Michelberger und Dr. Alfred Stoll riefen zudem einen B-Horn-Grundkurs ins Leben. Florian, nach den Einzelstunden bereits etwas selbstbewusster, meldete sich zusammen mit seinem Vater an. Er freute sich unheimlich und übte fleißig. „Auch mit Disketten, später mit CDs“, berichtet er. Schon mit 15 konnte er sämtliche Jagdsignale nach Gehör benennen und anstimmen.
Die Begeisterung im Kreis der Jagdhornbläser und die Liebe zur Jagdmusik spielen für Florian eine wichtige Rolle. Ein Musikinstrument zu lernen, ist Herausforderung und Entspannung zugleich. Musik weckt Gefühle, berührt das Herz. Und einem Instrument mit wachsendem Können wohlklingende Töne zu entlocken, Melodien zu kontrollieren, das ist etwas ganz Besonderes. Das Jagdhornblasen – vielleicht noch stärker durch seine Einbettung in das jagdliche Brauchtum – schafft Identität, verbindet und stärkt den Zusammenhalt. Dieser Zusammenhalt hielt auch bis über das Kursende hinaus, und so entstand aus dem Grundkurs im Jahr 2004 die B-Horn-Bläsergruppe der Kreisjägervereinigung Mergentheim. Florian, praktisch Gründungsmitglied, traf sich alle zwei Wochen immer montags mit seinen Bläserkameraden zu Übungsstunden und gemeinsamem Vesper.
Zu dieser Geschichte gehört jedoch auch, dass die frühen 2000er Jahre „noch andere Zeiten“ waren. Ausreichend Angebote oder ein Selbstverständnis für die Inklusion und Selbstbestimmtheit von Menschen mit Beeinträchtigung war noch geringer ausgeprägt als heute. Unsicherheiten und Berührungsängste schwangen anfangs bei einigen Mitgliedern mit, doch Sebastian Michelberger, Egon Singer und Karl Steffen, mit dem Florian ein inniges Verhältnis verband, setzten sich für ihn ein. Auch der Sohn des damaligen Bläserobmanns Martin Michelberger, heutiger Bläserobmann und musikalischer Leiter der B-Horn-Bläser, sowie dessen Cousin Matthias Michelberger, der die Parforcehorngruppe leitet, stärkten Florian den Rücken. „Peu à peu hat sich mit den gemeinsamen Übungsstunden und dem selbstverständlichen Miteinander diese Zurückhaltung gelegt. Ich glaube aber auch, dass es geholfen hat, dass Florian von vorne herein dabei war und nicht zu einer bereits bestehenden Gruppe gestoßen ist. Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass sie diesen Schritt gemacht haben. Florian ist ein ganz normaler Bläser wie alle anderen auch. Es hat nur gedauert, bis der Rang da war“, sagt Martin Michelberger. Es war ein Prozess, von der Integration bis hin zur Inklusion.
Gemeinschaft mit unterschiedlichen Stärken
Fast sein halbes Leben ist Florian nun schon Teil der Jagdhornbläsergruppe. Gemeinsam blasen sie auf der Hauptversammlung, zu Geburtstagen und Beerdigungen, auf Weihnachtsmärkten und Umzügen. Natürlich tragen sie auch eine eigene Uniform, schließlich sind sie eine Einheit. Doch besonders bei Auftritten in der breiten Öffentlichkeit verzichten sie auf das einheitliche Bild und setzen auf Vielfalt und Nahbarkeit. „Gerade beim nicht jagenden Publikum sind wir so einfach näher an den Leuten dran“, sagt Martin Michelberger.
Die Aufgabe des Bläserobmanns und Leiters der B-Horn-Gruppe ist nicht nur die Sicherung von Klang, Tradition und Motivation der Bläser, sondern auch das Zusammenhalten der Gruppe – mit manchmal unterschiedlichen Meinungen oder unterschiedlichem bläserischem Niveau. „Wir machen solide Vereinsarbeit. Speziell Florian kann alle Signale und Stücke auswendig und kann wunderbar auch in hohen Lagen die Töne gut halten. Bei langsamen Passagen wie in ‚Auf Wiedersehen‘ darf er – dürfen auch andere – solo vorneweg. Temporeiche Signale wie ‚Zum Essen‘ sind manchmal etwas zu schnell, dann spielt er eine gekürzte Version“, berichtet der Bläserobmann. Begrüßung, Aufbruch zur Jagd, Abblasen des Treibens, Damhirsch tot, Reh tot… Florian hat sie alle auswendig gelernt. Wenn notwendig, kann er immer einspringen und die Melodie ansingen.
„Jagdhornblasen steht bei Florian ganz hoch im Kurs“, sagt der Bläserobmann. So sehr sogar, dass er manchmal auch bei den Übungsabenden der Parforcehorngruppe dabei ist. „Ich höre zu, teile Noten aus, bleibe zum Vesper“, sagt Florian. Die Verbindung geht dabei weit über das Musische hinaus: Er merkt sich die Geburtstage seiner Kameraden, ruft an und schlägt Brücken zu ehemaligen Mitgliedern: Im Altersheim, wo er als Servicehelfer arbeitet, besucht er alte Bläserkameraden, nimmt sich Zeit. Eine weitere Verbindung besteht zu seiner Physiotherapeutin Astrid Hemmrich, eine „große Parforcehornbläserin und Nachsucheführerin“, wie er sagt. Der leidenschaftliche Jagdbegleiter steht auch auf dem Streckenplatz mit dem Jagdhorn, berichtet den Bläserkameraden von den Jagderfolgen seiner Schwester oder Eltern und erfüllt das jagdliche Brauchtum mit großer Freude.
Auch über seine zweite große Leidenschaft, das Reiten, ist er mit dem Jagdhornblasen verbunden. Mit seiner Reitlehrerin, deren Mann aktiver Jagdhornbläser ist, tauscht er sich gerne aus. Einen besonderen Höhepunkt erlebte er im vergangenen Sommer auf der VIRTUS World Equestrian Dressage Championships in Winchester. Bei der Para-Dressur-Weltmeisterschaft holte Florian nicht nur Bronze, sondern durfte bei der Abschlusszeremonie im Trio „Auf Wiedersehen“ blasen.
Bereitschaft zur Augenhöhe
Das Jagdhornblasen zieht sich durch Florians Leben, um nichts in der Welt würde er darauf verzichten wollen. Und auch für seine Bläserkameraden ist er „einer von uns“. „Er ist eine Bereicherung, ich möchte ihn nicht mehr missen“, sagt Martin Michelberger. Er betont auch: „Diese Geschichte ist individuell und kann nicht auf andere abgemünzt werden. Wenn aber jeder mit Respekt und Bereitschaft zur Augenhöhe Personen mit Handicap gegenübertritt, ist das eine Bereicherung für die ganze Gesellschaft.“
Katharina Daiss (LJV)
Ein Verein für Inklusion
Mit dem Verein „Sprungbrett e.V.“ setzt sich die Familie Kaplirz zu Sulewicz mit Eltern und Lehrern für Inklusion, Teilhabe und Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigung ein. Der Verein wurde 2000 gegründet und bietet vielfältige soziale, pädagogische und therapeutische Angebote an. Unter anderem bieten sie auf dem Üttingshof Therapeutisches Reiten vom Freizeitsport bis hin zum Paraleistungssport. Menschen mit und ohne Beeinträchtigung finden im Sport zusammen.
Weitere Infos unter: www.sprungbrettev.com


