Zecken gehören für Jägerinnen und Jäger in Baden-Württemberg seit jeher zum Revieralltag. Wie es um ihre Aktivität, Verbreitung und Bedeutung als Krankheitsüberträger steht, weiß Prof. Dr. Ute Mackenstedt, die das Fachgebiet für Parasitologie an der Universität Hohenheim leitet und seit vielen Jahren zu Zecken und ihren Erregern forscht.
Keine echte Winterruhe mehr
Trotz kalter Temperaturen sind die Zecken schon früh im Frühjahr unterwegs, wenn das Thermometer nachts überwiegend Plusgrade anzeigt und sich tags die Sonne zeigt, weiß Prof. Mackenstedt. Die Auwaldzecke sei gut an die Kälte angepasst und kann sogar aktiv sein, wenn noch Schnee liegt. Sie spielt zudem eine wichtige Rolle, weil sie häufig auf Hunden gefunden wird und Babesia canis übertragen kann. Die Wiesenzecke ist entgegen früherer Annahmen in ganz Deutschland verbreitet und kommt in einigen Regionen so häufig vor wie der Gemeine Holzbock.
Auch die Höhenverbreitung hat sich verändert. „Früher galt: ab 700 Metern ist Schluss. Heute finden wir stabile Populationen bis etwa 1200 Meter“, erklärt Prof. Mackenstedt. Zudem hat sich das Aktivitätsprofil verändert: Die milden Winter führen dazu, dass die Zecken keine echte Winterruhe mehr halten und ganzjährig aktiv sein können. Auch der recht kalte Winter, aus dem wir kommen, reicht nicht aus, dass es zu einem Einbruch der Population kommt. Das Ergebnis: Die ältere Generation wird nicht durch den Winter entscheidend verkleinert und die neue Generation kommt noch hinzu.
Besonders relevant bleibt das Risiko der Ansteckung an FSME. „Über 80 Prozent der humanen FSME‑Fälle treten in Baden-Württemberg und Bayern auf“, sagt Prof. Mackenstedt, doch keines der anderen Bundesländer bleibe verschont. Seit 2015 zeigt der Trend bei den Fallzahlen nach oben. „Wir gehen von etwa 695 Fällen im Jahr 2025 aus“, ordnet Prof. Mackenstedt die aktuelle Situation der seit 2002 meldepflichtigen Krankheit ein. Die starke Verteilung auf die Bundesländer Bade-Württemberg und Bayern besteht durch eine Anreicherung verschiedener FSME‑Stämme, die vermutlich durch Zugvögel aus Finnland und dem Baltikum eingetragen wurden.
Verbreitung durch Wildtiere
Im natürlichen Zecken‑ und Erregersystem sind neben Vögeln kleine Säuger relevant. „Rötelmäuse, Gelbhalsmäuse und auch Vögel spielen eine große Rolle“, betont Prof. Mackenstedt. Die Nager gelten als wichtigste Quelle für FSME‑Viren.
Gerade Nutztiere wie Schafe, Ziegen und Rinder haben hingegen eine reinigende Wirkung auf mit Borrelien infizierte Zecken: Beißt eine solche Zecke, überträgt sie die Borrelien normalerweise auf ihren Wirt. Diese Nutztiere hingegen erkranken nicht, sondern beseitigen die Borrelien und reinigen sogar die Zecke. Trotz der reinigenden Wirkung von Weidetieren auf infizierte Zecken lässt sich die Borreliose auf diese Weise nicht wirksam eindämmen, die Anzahl an Infektionen durch Nager bleibt zu hoch.
Während Mäuse die Erreger liefern, können andere Wildtiere dafür sorgen, dass Zecken neue Lebensräume erreichen. Füchse, Rehe oder auch Igel tragen Zecken mit sich. Relevant sind zudem Neozoen wie Wolf, Marderhund oder Goldschakal, die neue Gebiete erschließen. „Diese Tiere wandern weit und können Zecken über große Distanzen transportieren“, so Prof. Mackenstedt. Auch Zugvögel und deren veränderten Wanderbewegungen tragen zur Verbreitung bei.
Risiken und Schutz von Mensch und Hund
Für Jägerinnen und Jäger stellen Zecken Jahr für Jahr ein gesundheitliches Risiko dar, da wir uns häufig abseits befestigter Wege und im dichten Bewuchs bewegen. Dabei sind bestimmte Geländeformen besonders riskant. „Übergänge zwischen Habitaten, Waldränder, Wege – dort finden wir viele Zecken“, sagt Prof. Mackenstedt. Kurz geschorene Wiesen sind dagegen meist unproblematisch. Im Hochsommer ziehen sich Zecken bei Trockenheit in Bodennähe zurück, bleiben aber in schattigen Bereichen aktiv. Auch Gärten mit dichter Vegetation, wo Wildtiere wie Igel, Füchse oder Waschbären vorkommen, könnten Zecken beherbergen. Im Wald sind Zecken verstärkt an Wildwechseln und Pfaden zu finden sowie in Gebieten mit lockerer Vegetation wie in Laubwäldern, wo es Sonnenflecken gibt.
Schützen können sich Jäger durch Repellentien, die nach dem Aufsprühen bis zu 3,5 Stunden wirken. Kleidung mit abwehrenden Stoffen kann auch wirksam sein, das Schutzmittel wäscht sich jedoch mit der Zeit aus. Eine bewährte Methode, um sich gegen Zeckenbisse zu schützen, ist: Socken über der Hose tragen und im Nachgang gründlich Absuchen. „Zecken beißen nicht sofort. Sie wandern erst zehn bis 20 Minuten. Achselhöhlen, Kniekehlen – dort, wo es feucht ist, stechen sie gerne zu.“
Absuchen ist immer noch die beste Methode, um sich auch gegen Borrelien zu schützen. Diese werden meist erst zehn bis zwölf Stunden nach dem Biss übertragen. Je früher die Zecke gefunden wird, desto geringer ist das Risiko einer Übertragung.
Unerlässlich ist die Impfung gegen FSME. „Die Impfstoffe sind sicher, sie können aber nur wirken, wenn man einen Vollschutz hat, also eine Grundimmunisierung von drei Impfungen plus Booster nach etwa drei bis fünf Jahren“, sagt Prof. Mackenstedt. Gegen Borreliose gibt es aktuell weiterhin keinen Impfstoff auf dem Markt, doch aktuelle Forschungen und Tests sind vielversprechend, sodass sich das in künftigen Jahren ändern könnte.
Beim frisch erlegten Wild ist besondere Aufmerksamkeit gefragt, denn dabei haben wir besonders engen Kontakt mit einem Wildkörper, an dem sich besonders im Sommer viele Zecken tummeln. Handschuhe, helle Kleidung, auf denen die Zecken besser zu sehen sind, und Repellent sollten auch hier bedacht werden. Wirksam kann auch ein Streifen doppelseitiges Klebeband am Handschuhsaum sein. Erst nach etwa zwei bis drei Stunden merken die Zecken aufgrund der sinkenden Körpertemperatur, dass der Wirt tot ist. Wenn das Wild in der Kühlung reift, sterben viele Zecken allerdings nicht wegen der Kälte, sondern wegen der geringen Luftfeuchtigkeit im Kühlraum. Ähnliches gilt für Zecken, die in den Wohnräumen abfallen.
Auch Hunde sind gefährdet. Für sie sind der Gemeine Holzbock, die Wiesenzecke und die Braune Hundezecke relevant. Letztere kann sogar in Wohnräumen überleben. Auch „Tabletten gegen Ektoparasiten wirkten zuverlässig, sind aber nicht für jeden Hunde geeignet. Spot‑ons und Zeckenhalsbänder wirkten ebenfalls, verlieren aber bei Wasserkontakt an Effekt“, erklärt Prof. Mackenstedt.
Neben Impfung und Mitteln zur Abwehr gilt für Mensch und Hund: Ein Absuchen bleibt das A und O – denn je schneller eine Zecke entfernt wird, desto geringer ist das Risiko möglicher Ansteckungen.
Katharina Daiss (LJV)
TIPPS ZUR VORSORGE
Schutz vor Zecken:
- Gegen FSME impfen lassen – sicherster Schutz.
- Repellents auftragen (wirken ca. 3,5 Stunden, kein 100-%-Schutz).
- Kleidung: Socken über die Hose, helle Kleidung, um Zecken besser zu sehen.
- Beim Hund: wirksame Prophylaxe je nach Verträglichkeit.
Kontrolle:
- Absuchen (Mensch): Achselhöhlen, Kniekehlen, Leisten, Pofalte, Kopfhaut
- Absuchen (Hund): Ohren, Lefzen, Achseln, Zwischen den Zehen, Hals und Brust, Rutenansatz.
TIPPS ZUR NACHSORGE
Zecken richtig entfernen:
- Zecke mit Zeckenkarte, Zange oder „Kuhfuß“ hautnah greifen, ziehen oder leicht drehen (beides möglich).
- Hypostom (Mundwerkzeug) kann abreißen, das ist jedoch nicht so schlimm.
- Nicht am Hinterleib packen oder quetschen (kann Erregerübertragung verstärken).
- Kein Öl, kein Abschneiden, kein Abrasieren.
- Nicht warten, bis die Arztpraxis öffnet – je schneller entfernt, desto geringer das Risiko (wichtig bei Borrelien
- Stichstelle beobachten, desinfizieren
Welche Reaktionen sind zu erwarten?
- Ein kleiner roter Punkt direkt um den Stich ist normal (Reaktion auf Zeckenspeichel).
- Vorsicht bei Wanderröte: Stich in der Mitte, außen ein roter Kreis (Hinweis auf Borreliose).
- Bei Fieber, Glieder- oder Kopfschmerzen ärztlich abklären lassen.
Weitere Hinweise:
- Beim Arzt unspezifische Symptome immer mit möglichem Zeckenstich erwähnen – viele erinnern sich später nicht mehr daran.
- Beim Tierarzt vor Urlaubsreisen Prophylaxe besprechen (Braune Hundezecke).


